Natur & Outdoor
Deichkrone, Rückenwind, Kaffeepause: Radtouren durch die Rheinauen
Fünf Touren, ein Knotenpunktsystem und die einzige Regel, die am Niederrhein wirklich zählt: erst gegen den Wind, dann mit ihm zurück.
Der Niederrhein macht es Radfahrern leicht und schwer zugleich. Leicht, weil hier
kaum eine Steigung existiert, die den Namen verdient. Schwer, weil der Wind aus Westen
kommt und selten fragt, wohin man eigentlich wollte. Wer das einmal begriffen hat,
plant hier anders: erst gegen den Wind, dann mit ihm zurück. Diese eine Regel spart
mehr Kraft als jedes Elektrorad.
Zwischen Emmerich und Krefeld liegt ein Netz aus asphaltierten Deichwegen,
Wirtschaftswegen und alten Treidelpfaden, das über die Jahre zu einem der dichtesten
Radwegenetze Deutschlands zusammengewachsen ist. Orientierung gibt das
Knotenpunktsystem: nummerierte Wegweiser an jeder Kreuzung, die man sich als kurze
Zahlenfolge notiert – 12, 46, 71, 03 – und dann einfach abfährt. Kein Kartenlesen,
kein Display. Das System stammt ursprünglich aus Belgien und den Niederlanden und
passt hier gut hin, weil die Grenze ohnehin nur eine Linie auf der Karte ist.
Die Deichroute: Rees, Grieth, Kalkar
Wer den Niederrhein zum ersten Mal mit dem Rad erlebt, sollte auf den Deich. Die
Strecke von Rees flussaufwärts über Grieth nach Kalkar ist knapp zwanzig Kilometer
lang, fast durchgängig autofrei und liefert das Bild, das man später im Kopf behält:
links der Strom mit den Frachtern, rechts das Vorland mit Kopfweiden, Pferden und
Wasserlöchern, die im Gegenlicht silbern werden.
Grieth ist der Punkt, an dem die meisten anhalten. Ein Dorf von vielleicht
achthundert Einwohnern, das einmal Hafenstadt war, mit einem Kopfsteinpflaster-Platz
direkt am Wasser und ein paar Gaststätten, deren Terrassen bei Sonne komplett besetzt
sind. Der Blick geht über den Rhein auf die andere Seite, wo nichts steht außer Wiese.
Es ist einer der wenigen Orte in Nordrhein-Westfalen, an denen der Fluss noch aussieht
wie eine Landschaft und nicht wie eine Wasserstraße mit Industrie dahinter.
Der Niederrhein ist keine Kulisse, die man abfährt. Er ist eine Fläche,
die man sich erarbeitet – meist gegen den Wind.
Bislicher Insel: die Route für den Winter
Zwischen Xanten und Wesel liegt die Bislicher Insel, eine ehemalige Rheinschlinge,
die heute Naturschutzgebiet ist. Von Oktober bis März ist sie der interessanteste Ort
der Region – nicht wegen der Landschaft, sondern wegen der Gäste. Arktische Wildgänse,
vor allem Bläss- und Saatgänse, überwintern zu Zehntausenden am Unteren Niederrhein.
Wenn sie am späten Nachmittag in Ketten über den Deich einfliegen, hört man sie lange,
bevor man sie sieht.
Die Runde ab Xanten über die Bislicher Insel und zurück über den Deich liegt bei rund
fünfundzwanzig Kilometern. Wichtig: auf den Wegen bleiben. Die Flächen sind
Rückzugsraum, und ein einziger Spaziergänger im Feld bringt einen ganzen Schwarm in die
Luft – was die Tiere Energie kostet, die sie im Winter nicht haben.
Die Seenroute rund um Xanten
Wo heute die Xantener Nord- und Südsee liegen, wurde jahrzehntelang Kies abgebaut.
Das Ergebnis ist eine Landschaft, die man sich so nicht ausgedacht hätte: Badestrände,
Segelboote und Wassersport mitten im Ackerland. Die Umrundung beider Seen sind rund
fünfzehn Kilometer auf breiten, familientauglichen Wegen – die einzige Tour in dieser
Liste, bei der Kinder nicht nach zehn Kilometern fragen, wann es endlich etwas zu sehen
gibt.
Über die Grenze: Millingerwaard und Kranenburger Bruch
Ab Kleve sind es keine zwanzig Kilometer bis in die niederländische Gelderse Poort.
In der Millingerwaard hat man den Fluss weitgehend sich selbst überlassen: Konikpferde
und Galloway-Rinder halten die Flächen offen, der Weg ist streckenweise Schotter und
Sand, und es sieht aus, als hätte hier nie jemand einen Deich gebaut. Auf dem Rückweg
lohnt der Umweg über das Kranenburger Bruch, ein Niedermoor mit Bohlenwegen, das
besonders im April und Mai lohnt.
Praktisch für die Planung
- Windrichtung zuerst prüfen. Am Niederrhein kostet Gegenwind mehr Kraft als jede Steigung.
- Knotenpunkte notieren statt Route abspeichern – funktioniert auch ohne Empfang.
- Rheinfähren verkürzen viele Runden erheblich, fahren aber saisonal und bei Hochwasser gar nicht.
- Oktober bis März: Gänsezeit. Ferngläser mitnehmen, Wege nicht verlassen.
- Gepäck: Regenjacke immer. Das Wetter kommt hier von der Nordsee und dreht schnell.
Wann sich welche Tour lohnt
Im Frühjahr ist der Niederrhein am freundlichsten: Obstblüte in den Hofgärten,
Spargelfelder unter schwarzer Folie, die ersten Terrassen offen. Der Sommer gehört den
Seen. Der Herbst gehört dem Licht – wer einmal an einem klaren Oktobernachmittag über
den Deich bei Bislich gefahren ist, versteht, warum hier so viele Fotografen unterwegs
sind. Und der Winter gehört den Gänsen, auch wenn man dafür Handschuhe und
Windjacke braucht.
Was den Niederrhein von den bekannteren Radregionen unterscheidet, ist die
Unaufgeregtheit. Es gibt keine Aussichtsplattform, an der sich alle sammeln, keinen
Pass, den man geschafft haben muss. Es gibt Deich, Wind, Wasser und alle paar Kilometer
ein Dorf mit einer Bank, die genau an der richtigen Stelle steht.