Kultur & Geschichte
Zweitausend Jahre auf vierzig Kilometern: Xanten, Kalkar, Kleve
Warum die drei Städte am unteren Niederrhein zusammen mehr erzählen als jede für sich – und was 1945 davon übrig ließ.
Vierzig Kilometer Landstraße trennen Xanten von Kleve. Wer sie an einem Tag abfährt,
kommt an einer römischen Koloniestadt vorbei, an einer der bedeutendsten Sammlungen
spätgotischer Schnitzkunst in Europa und an einer barocken Gartenlandschaft, die ein
niederländischer Statthalter im 17. Jahrhundert in die Hügel bei Kleve gelegt hat.
Drei Städte, drei Epochen – und dazwischen jedes Mal flaches Land.
Xanten: die Stadt, die auf einer Stadt steht
Xanten ist der ungewöhnlichste Fall. Hier lag mit der Colonia Ulpia Traiana eine der
größten römischen Städte nördlich der Alpen, gegründet um 100 nach Christus, zeitweise
mit mehreren Tausend Einwohnern. Nach dem Ende der römischen Herrschaft wurde die Stadt
über Jahrhunderte als Steinbruch benutzt – das mittelalterliche Xanten entstand daneben,
nicht darüber. Genau das ist der Glücksfall: Der antike Stadtgrundriss liegt bis heute
weitgehend unbebaut unter Wiesen.
Auf diesem Gelände steht heute der LVR-Archäologische Park. Teile der Stadt wurden an
originaler Stelle rekonstruiert: Hafentempel, Amphitheater, Stadtmauer, ein
Handwerkerviertel. Das ist kein Museumsdorf mit Kostümen, sondern ein
Rekonstruktionsversuch, über den in der Fachwelt seit Jahrzehnten diskutiert wird –
und der sich als Spaziergang trotzdem lohnt, weil man zum ersten Mal ein Gefühl für die
Maßstäbe bekommt.
Im Ortskern dann der Dom St. Viktor, eine gotische Anlage, die im Zweiten Weltkrieg
schwer getroffen und über Jahrzehnte wieder aufgebaut wurde. Der Kreuzgang ist einer
der ruhigsten Orte am Niederrhein.
Kalkar: ein Marktplatz und neun Altäre
Kalkar war im 15. und 16. Jahrhundert eine wohlhabende Handelsstadt, und die Bürger
haben ihr Geld in ihre Pfarrkirche gesteckt. In St. Nicolai stehen bis heute mehrere
spätgotische Schnitzaltäre, entstanden zwischen etwa 1490 und 1540, darunter Arbeiten
der Kalkarer Bildschnitzerschule um Meister wie Henrik Douvermann. Der Siebenschmerzen-Altar
mit seiner Wurzel-Jesse-Predella gehört zum Bekanntesten, was die niederrheinische
Bildschnitzerei hervorgebracht hat.
Bemerkenswert ist weniger die Qualität der einzelnen Stücke als die Tatsache, dass
sie noch da sind. Reformation, Säkularisation, zwei Weltkriege – und trotzdem steht das
Ensemble weitgehend beisammen, in dem Raum, für den es gemacht wurde. Davor der
Marktplatz mit dem Backsteinrathaus aus dem 15. Jahrhundert und alten Linden. Wenn am
Niederrhein irgendwo ein historischer Stadtkern intakt geblieben ist, dann hier.
Man muss sich klarmachen, was 1945 verloren ging: Wesel war zu über
neunzig Prozent zerstört, Kleve in weiten Teilen ausgelöscht. Was heute alt aussieht,
ist meist Wiederaufbau.
Kleve: Barockgärten und ein Bildhauer
Kleve verdankt sein Gesicht zwei Männern, die dreihundert Jahre auseinanderliegen.
Der erste ist Johann Moritz von Nassau-Siegen, ab 1647 Statthalter in Kleve, zuvor
Gouverneur in Brasilien. Er ließ die bewaldeten Hänge südlich der Stadt in eine
Gartenlandschaft umbauen: Sichtachsen, Kanäle, ein Amphitheater im Hang, der Neue
Tiergarten, der Forstgarten. Diese Anlagen gelten als eine der frühesten
Gartenlandschaften dieser Art in Deutschland, und sie sind bis heute öffentlich
zugänglich – keine Kasse, kein Zaun, einfach ein Park.
Der zweite ist Joseph Beuys. Er wuchs in Kleve und Rindern auf und unterhielt in den
1950er-Jahren ein Atelier im ehemaligen Kurhaus. Genau dort ist heute das Museum Kurhaus
Kleve, das Beuys‘ Atelierräume erhalten hat. Wer sich für die Nachkriegskunst
interessiert, findet zwölf Kilometer weiter in Bedburg-Hau die Konsequenz daraus:
Schloss Moyland, ein neugotisch überformtes Wasserschloss, beherbergt eine der größten
Beuys-Sammlungen überhaupt.
Über allem steht die Schwanenburg auf ihrem Felssporn – der einzigen echten
Erhebung weit und breit. Um sie rankt sich die Schwanenrittersage, die über Umwege bei
Richard Wagner als Lohengrin gelandet ist.
Route für einen Tag
- Vormittag: Archäologischer Park und Dom in Xanten – drei bis vier Stunden realistisch.
- Mittag: Kalkar, Markt und St. Nicolai. Der Ort ist klein genug, um zu Fuß alles zu sehen.
- Nachmittag: Schloss Moyland in Bedburg-Hau, dazu der Skulpturenpark.
- Abend: Kleve, Forstgarten und Amphitheater im schrägen Licht.
- Hinweis: Öffnungszeiten und Ruhetage vorher prüfen – viele Häuser schließen montags.
Was diese Region historisch besonders macht
Der Niederrhein war jahrhundertelang kein deutsches Randgebiet, sondern ein Zentrum
mit Blick nach Westen. Das Herzogtum Kleve war eng mit den Niederlanden verflochten,
Handel und Sprache liefen über den Rhein und die Maas, nicht über Köln. Diese
Orientierung sieht man den Städten bis heute an: an der Backsteinarchitektur, an den
Straßennamen, an der Küche und daran, wie selbstverständlich man hier über die Grenze
zum Einkaufen fährt.
Und man sieht ihr die Brüche an. 1945 wurde die Region zum Kampfgebiet, weil hier der
alliierte Rheinübergang stattfand. Wer heute durch Wesel oder Kleve geht, läuft durch
Städte, die zwei Mal existiert haben. Das erklärt vieles – auch, warum die intakten
Orte wie Kalkar oder Grieth so viel Aufmerksamkeit bekommen.